Ich bin ein Alien

https://www.zdf.de/funk/tru-doku-12074/funk-autismus-ich-bin-nicht-falsch-so-findet-janosch-26-zu-sich-selbst-i-tru-doku-102.html


spricht mir sehr aus der seele, die doku.

die melt- und shutdowns bei reizüberflutung, die tiefe erschöpfung nach sozialen events, das intuitive unverständnis für sozialen umgang und das daraus resultierende mobbing.die unfähigkeit zu gesellschaftsspielen und gemeinschaftssport, zu familienfesten und partys, weil sie mich maßlos verunsichern und überfordern. 

die permanente überforderung in der stadt. die abhängigkeit von meinen ankern: mein individueller kleidungsstil und die rollen, in die ich damit schlüpfen kann (die rollen sind aufgesetzte masken: die rollenperson unterliegt meinen eigenen regeln und abhängigkeiten nicht; sie schützt meinen fragilen, inneren kern wie eine rüstung, und ich kann sie wieder ablegen, wenn ich sicher bin.); das sich nur wirklich über kunst ausdrücken können; meine nach aussen hin chaotische lebensführung, die aber strengen regeln folgt, die (nur für mich?) absolut logisch sind; und die verdachtsdiagnose, die (endlich!) so viel heilen hilft: ich bin nicht falsch. ich war nie falsch. 
ich habe nur ein anderes betriebssystem. und dieses betriebssystem haben so viele menschen. der austausch mit anderen asperger-persönlichkeiten ist unendlich heilsam: „oh, das machst du auch so?“ niemand ist stolz darauf, autist*in zu sein. es ist kein „oh, ich bin etwas besonderes.“ es ist einfach ein anders-sein, in einer welt, in der anders-sein keinen platz haben darf.

neurodiversität macht angst.

 
ich zu sein war nie einfach. ich war nie einfach. weder für mich, noch für mein umfeld. „die karin ist immer dagegen, hauptsache dagegen“ hieß es oft, als ich in der pubertät war. ich war nie dagegen. ich habe nur das WARUM nie verstanden. ich war permanent überfordert, mit einer welt, in der ich ein alien war. und bis heute bin. nur heute habe ich endlich leute um mich, die mich genau deswegen um sich haben wollen. meine lieblingsmärchen: dornröschen, sicher in ihrem schloss. beschützt von dornen, die ich für mich nie zur verfügung hatte. jorinde, die bei der zauberin bleiben darf, abgeschottet von der welt, eins mit den anderen „schrägen vögeln“, und keiner hatte zutritt zu diesem reich. aljonoschka, die erst bei väterchen frost als die gesehen wurde, die sie wirklich war. 


ich muss nicht mehr dazugehören. ich muss nicht mehr „versagen“, in dingen, die allen anderen so leicht fallen. ich muss mich endlich nicht mehr an anderen skalen messen.  die hilflosigkeit, die wut, die angst, die einsamkeit haben endlich ein ende.

30 jahre lang war ich nur „seltsam“. jetzt bin ich: anders. und das ist ein immenser unterschied. ich brauche nicht mehr kämpfen: ich nehme an. mit ganz weit offenen armen. lern die welt neu kennen, nicht nur als feindliches, ständig überforderndes fremdes land, sondern als welt der wunder. ich darf mich zurückziehen, muss nur leisten, so viel ich MIR auch leisten kann. kann mir selbst erlauben, müde, schwach und erschöpft zu sein – und dann liebevoll mit mir selbst umzugehen, statt mich selbst für meine schwäche zu tadeln. die diagnose ist keine ausrede. sie ist ein befreiungsschlag. sie ist ein offenes tor, wo vorher nur mauern waren, gegen die ich gerannt bin. immer, immer wieder. 

und ich darf endlich nie wieder zu mir sagen müssen: „reiss dich zusammen“. 


meine welt ist damit weicher geworden. liebevoller. und sehr viel wärmer. und so viel mehr ich, mit all der fragilen poltrigen grossartigkeit, die ich in meinen genen trage. ja, ich bin ein alien. aber: inmitten einer von mir selbst gewählten familie aus anderen aliens. wir gehen behutsam miteinander um, und lauschen statt mit rat-schlägen um uns zu hauen.
ich traue mich endlich, NEIN zu sagen. NEIN zu „stell dich nicht so an“.

NEIN zu „wenn es dir nur wichtig genug wäre/du willst nur nicht“.

und JA zu „möchtest du darüber reden?“. ja, das tut weh. es tut zum zerreissen weh, ein ganzes leben zu hinterfragen und aufzuarbeiten. tief in die schatten einzutauchen und nicht mehr zu verdrängen.ich muss mich nicht mehr beweisen. vor niemandem mehr.

aber ich erkläre offen, lausche und höre zu.

endlich, endlich bin ich nicht mehr im krieg. 

frieden beginnt in den köpfen.

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